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Anknüpfend an das wegweisende Engagement des Münchener Gymnasiallehrers, Historikers und Holocaust-Forschers Anton Posset (1941 – 2015), beschäftigt sich eine Reihe von Initiativen und Organisationen im Umfeld des ehemaligen KZ-Außenlagerkomplexes Kaufering seit vielen Jahrzehnten mit der Aufarbeitung des nationalsozialistischen Vermächtnisses ihrer Heimatregion.
Zur Vorbereitung einer deutsch-israelischen Jugendbegegnung im Rahmen des EVZ-Förderprogramms YOUNG PEOPLE remember international hat sich Memos mit der von Posset mitgegründeten Europäischen Holocaust Gedenkstätte Landsberg-Kaufering zusammengetan. Das erste Treffen mit Manfred Deiler, dem damaligen Präsidenten der Organisation, und dessen Frau Helga fand im Juli 2023 statt.
Zentrales Thema der Zusammenarbeit zwischen der Gedenkstättenstiftung und Memos war und ist das Konzentrationslager Kaufering IV, eines von elf Lagern in der Umgebung der Kreisstadt Landsberg am Lech. Dort war Max Livni, der Protagonist unseres Projekts, vom 10. Oktober 1944 bis zum 24. April 1945 als Zwangsarbeiter interniert.
Kaufering IV wurde am 27. April 1945 von der 12. Panzerdivision der 7. US-Armee und Soldaten der 101. Luftlandedivision befreit, eines der ersten der 140 Außenlager des Konzentrationslagers Dachau.
Die folgenden Fotos wurden von der US-Armee bei der Befreiung des Lagers aufgenommen. Sie illustrieren drei Quellen, die die letzten Tage des Vernichtungslagers beschreiben. Es handelt sich dabei um Auszüge aus Max Livnis Memoiren, einen Brief, den der US-Soldat Alvin Pheterson an seine Eltern geschrieben hat und einen Bericht des Kauferinger Eisenbahnbeamten Joseph Hackelsperger.
"Kaufering war ein kleines Lager, welches ganz andere Baracken hatte, als wir z. B. in Birkenau kennengelernt hatten. Über einem Graben im Boden, der etwa einen Meter breit, einen halben Meter tief und fünfzehn oder zwanzig Meter lang war, waren zwei schräge Dachflächen aus Brettern, die mit Teerpappe belegt waren. An einem Ende dieses halb unterirdischen Blocks war ein Fenster – dort wohnte der Blockälteste, dessen 'Zimmer' mit Decken abgegrenzt war. Am anderen Ende war eine Türe, von welcher drei Stufen zum Boden des Grabens führten. In jedem Block waren etwa fünfzig Häftlinge untergebracht – je etwa fünfundzwanzig lagen auf schütterem Stroh, das auf dem Erdboden lag, auf jeder Seite des Grabens. Der Graben diente als Gang und wenn man auf seinem Platz saß (z. B. um die Brotration zu bekommen), waren die Füße im Graben. Das Lager war mit doppelten Stacheldrahtzäunen umgeben, die elektrisch geladen waren. Beinahe alle 'Funktionäre' des recht neuen Lagers – Blockälteste, Kapos – waren 'alte Häftlinge', die schon jahrelang in deutschen Konzentrationslagern gewesen waren."
"Kaufering 4 wurde zu einem Quarantänelager, aus welchem niemand mehr zur Arbeit hinaus ging. Aus den übrigen 10 Kauferinger Lagern wurden alle arbeitsunfähigen Kranken zu uns gebracht – unter diesen waren auch einige Freunde, wie z. B. Zeev Scheck und sein Bruder, der nach wenigen Tagen starb. Soweit ich konnte, half ich den Neuankömmlingen, doch viel konnte ich nicht tun. Etwa im März 1945 wurde es klar, dass die Deutschen den Krieg sehr bald verlieren würden – für uns Häftlinge ging es jetzt darum, diese letzte Zeit noch auszuhalten, um zu überleben. Gerüchte über die sich nähernde Front mehrten sich, wir sahen von unserem Lager aus die scheinbar unendlichen Mengen alliierter Bomber, die – nicht weit von uns – München in Schutt und Asche legten. Auch die fast schon fertiggestellten Fabrikhallen, die wir gebaut hatten, wurden völlig vernichtet. Ich erkrankte an Fleckfieber und genas irgendwie, sehr geschwächt. Am 24. April wurde dann ein Appell abgehalten, bei welchem uns gesagt wurde, dass das Hauptlager in Dachau bereits in Händen des Internationalen Roten Kreuzes sei, welchem wir übergeben werden sollten. Alle, die im Stande seien zu gehen, würden hin geführt werden, die Anderen sollten in den Baracken bleiben und würden mit der Eisenbahn hin gebracht werden. Da wir schon Kanonendonner der sich nahenden Front hörten, klang das Ganze ziemlich glaubwürdig, doch nachdem viele von uns böse Erfahrungen mit von der SS organisierten Fahrten hatten, entschloss ich mich, gemeinsam mit meinem guten Bekannten Dr. H. Kafka, trotz meines schlechten Körperzustandes, lieber die Fußwanderung zu riskieren. So bestand vielleicht doch eine Chance, im Wald zu fliehen, wenn die SS uns – wie wir befürchteten – erschießen wollte."
"Landsberg, 30. April 1945
Liebe Familie,
in meinem gestrigen Brief habe ich angekündigt, dass ich euch einen langen Brief schreiben werde, um euch von dem 'besonderen' Konzentrationslager für Juden zu erzählen, das ich gesehen habe.
Vor einigen Tagen sind wir in die Stadt am Lechfeld gezogen. Wir kamen wenige Stunden nach den Deutschen an und haben sie tatsächlich überrascht. Die Stadt selbst war ein gewöhnlicher, kleiner Ort. Es gab dort viele Geschäfte, Bierkneipen und eine Kirche, wie in allen Städten. Aber die Menschen waren anders, sie wussten etwas und hatten bei etwas geholfen, das das Schrecklichste war, was ich je gesehen habe und jemals sehen werde.
Das Lager Kaufering lag vier oder fünf Kilometer von der Stadt entfernt. Es war ein besonderer Ort für unterdrückte Juden aus allen Nationen – Polen, Ungarn, Italiener, Litauer – und der Spielplatz für die unmenschlichen Bastarde der Nazis. Das Lager selbst war etwa 100 Meter breit und 400 bis 500 Meter lang. Die 'Behausungen' für die Insassen waren in den Boden gegrabene Löcher, die mit einem Grasdach bedeckt waren. Wie mir ein Insasse erzählte, wurden etwa siebzig Menschen in jeden dieser Räume gesteckt, die 12 mal 12 Fuß groß waren. Es gab weder Licht noch Heizung, und alles stank nach verwesenden Leichen und Fäkalien. Um das gesamte Lager herum war ein riesiger Stacheldrahtzaun errichtet worden. Tatsächlich gab es vier Zäune, da es mehrere Lagen gab: drei vertikale und eine abgewinkelte. Der Zaun selbst war eine schreckliche Sache. Die Landschaft, in der das Lager liegt, ist eine der schönsten, die ich je gesehen habe. Es scheint, dass sie nicht nur ihre Mitmenschen vernichten, sondern auch die Natur selbst zerstören wollten.
Als ich das Lager erreichte, stand alles in Flammen. Die Deutschen hatten vor nichts zurückgeschreckt und versucht, alle Spuren ihrer Taten zu verwischen, aber sie wurden überrascht. Wir rückten schneller vor als erwartet. Im Lager befanden sich 4.000 männliche Gefangene, und die Nazis hatten versucht, sie alle zu töten und zu verbrennen. Damit wollten sie alle Spuren ihrer Existenz auslöschen. Aber das ist ihnen nicht vollständig gelungen ..."
Quelle: Brief des 20-jährigen amerikanischen Soldaten Alvin Pheterson an seine Familie, Mr. und Mrs. Harry Pheterson, 417 Joseph Avenue, Rochester, New York, vom 30. April 1945.
"… Hunderte nackter oder fast nackter Leichen lagen auf den Wegen zwischen den Baracken. Man konnte sie nicht mehr als Menschen bezeichnen; sie waren nichts als Haut und Knochen, und das meine ich wörtlich. Ihre Knochen ragten praktisch durch die Haut hindurch. Viele von ihnen waren schrecklich verbrannt, wie ein Braten, der ein paar Stunden zu lange gegart worden war, oder wie Marshmallows, die zu lange geröstet worden waren. Ein großer Haufen Leichen war zusammengetragen worden und sollte verbrannt werden – Worte können diesen Anblick nicht beschreiben. Es gibt keine im Wörterbuch …"
Quelle: Brief des 20-jährigen amerikanischen Soldaten Alvin Pheterson an seine Familie, Mr. und Mrs. Harry Pheterson, 417 Joseph Avenue, Rochester, New York, vom 30. April 1945.
"Landsberg, 29.04.1945
Heute früh versuchten meine Frau und ich in den Bahnhof rein zu kommen. Dies wurde uns von einem amerikanischen Posten verweigert. Beim Weggehen vom Bahnhof wurde ich (und ein Lademeister des Bahnhofes) von einer amerikanischen Streife verhaftet und zu einem Lastkraftwagen in der Nähe der Lechbrücke geführt und verladen. 10 – 12 Männer waren bereits darauf. Weitere Männer folgen, dann fährt der Lastkraftwagen, hinten mit amerikanischen Soldaten besetzt, los. Wir wissen nicht wohin es geht. Der Wagen fährt Richtung Kaufering, weiter bis Kolonie Hurlach, dann links ab in das Konzentrationslager, in dem die Juden untergebracht waren. Wir dachten alle, jetzt sind wir die Häftlinge. Es kam jedoch anders. Im Lager waren bereits Männer an der Arbeit eine große Grube zu graben. Wir neu Hinzugekommenen mußten nun die toten Juden im Lager sammeln. Diese lagen teils auf den Wegen, teils in den ehemaligen Unterkünften in Mitten verkohlter Balken. Als die toten Juden im Lager bei den Gruben - eine weitere wurde inzwischen zu graben begonnen – zu den bereits dort liegenden Juden (es waren sehr viele) gelegt waren, wurden wir zu dem in der Nähe des Bahndammes Kaufering-Hurlach geführt. Dort lagen eine große Menge toter Juden. Diese sollten angeblich durch deutsche Flieger getötet worden sein. Ein trostloses Bild und dazu der starke Leichengeruch. Die Juden wurden ebenfalls zu der Sammelstelle bei den Gruben getragen. Zwei Mann mußten immer einen Toten tragen, am Anfang ohne Behelfsmittel. Als ich einmal mit meinem Helfer zur Grube kam, hörte ich den die Gräber befehlenden Aufseher rufen: 'Das haben wir gelernt von den Deutschen!' Da hatte dieser auch vollkommen recht. Am Nachmittag wurde in der Arbeit gewechselt. Ich kam zu den Gräbern in der zweiten Grube. Bald erschienen nunmehr cirka 100 Bauern aus der Umgebung und mußten vor den toten Juden antreten. Ein hoher amerikanischer Offizier – es kann auch ein hoher Beamter der amerikanischen Verwaltung gewesen sein – erschien und hielt eine Ansprache in amerikanischer Sprache; ein neben ihm stehender amerikanischer Soldat übersetzte Satz für Satz in die deutsche Sprache. Die Ansprache enthielt ungefähr folgendes: Wir haben sie als Vertreter der umliegenden Ortschaften hierherkommen lassen, damit sie sehen, wie hier die Deutschen hausten. Nehmen sie davon Kenntnis und überbringen sie das Gesehene und Gehörte ihren Angehörigen und Bekannten, was die Deutschen hier gemacht haben. Wir wollen einen Frieden in dem Deutschland wieder auferstehen möge. Die Bauern nahmen hiervon Kenntnis. Während der Ansprache äußerten sich die Bauern wiederholt bei den aufschlußreichen Erläuterungen durch Pfui-Rufe über das Ergebnis der Nazi-Regierung. Zum Schluß wurde noch der Lagerführer, der das Lager zu betreuen hatte vorgeführt. Alsdann wurde den Bauern die Unterkünfte der Juden gezeigt, damit sie auch sehen können unter welch krassen Verhältnissen die Juden untergebracht waren in den sechs Jahren ihrer Leidenszeit.
Wir Gräber gruben alsdann wieder weiter bis ungefähr 4 Uhr nachmittags. Vor dem Abtransport nach Landsberg mittels Lastkraftwagen wurden wir wegen der bestehenden Seuchengefahr über die Vorsichtsmaßregeln belehrt. Gegen 6 Uhr Abends kam ich alsdann vollkommen erschöpft, ob des Gesehenen und Gehörten, sowie der außerordentlichen schweren Arbeit in der Wohnung meiner Tochter an.
Das war nur ein Tag des grausigen Geschehens, die Juden haben das fast 6 Jahre gehabt und geleistet bei einer vollkommen ungenügenden Ernährung und der allerschlechtesten Behausung.
Joseph Hackelsperger"
"Joseph Hackelsperger war Reichsbahnobersekretär am Bahnhof in Landsberg am Lech. Er war ehrenamtlich einer der leitenden Herren des Landsberger Roten Kreuzes. Durch die Erlebnisse am 29. April 1945 erhielt er einen furchtbaren Schock und starb 1946 im Alter von 59 Jahren. Überlebende KZ-Häftlinge haben ihn wenige Wochen nach der Befreiung aufgesucht und mit Lebensmitteln beschenkt, da er ihnen des öfteren bei Gleisbauarbeiten unter gefährlichen Umständen Brot und andere für sie wichtige Dinge zugesteckt hatte. Diesen Brief hat uns die Tochter von Herrn Hackelsperger überlassen, der wir dafür herzlich danken."
aus: Themenhefte Landsberger Zeitgeschichte, Heft 2, 1994: Todesmarsch und Befreiung – Landsberg im April 1945: Das Ende des Holocaust in Bayern, 2. Auflage (vergriffen), 52 S., 33 schw.-w. Abb., ISBN: 3-9803775-1-2
"1944 beschloss die NS-Führung mit Vertretern von Industrie und SS die Verlagerung der deutschen Rüstungsproduktion in bombensichere Fertigungsstätten. Die für Bauaufgaben zuständige Organisation Todt (OT) plante daraufhin sechs Großbunker, drei davon im Raum Landsberg. Zum Schutz vor alliierten Luftangriffen sollte die Produktion von Jagdflugzeugen in die jeweils ca. 100.000 qm großen Anlagen verlegt werden. Mit der Oberbauleitung war die OT beauftragt. Sie übertrug die Ausführung privaten Firmen wie Leonhard Moll, Philipp Holzmann, Karl Stöhr und anderen. Fast ausschließlich jüdische KZ-Häftlinge wurden zur Ausführung der Arbeiten gezwungen. So entstand ab Juni 1944 im Raum Landsberg/Kaufering der größte Außenlagerkomplex des KZ Dachau. Bis zum Kriegsende verschleppten die Nationalsozialisten bis zu 23.500 Menschen dorthin. Die Häftlinge litten an akuter Unterernährung und Krankheiten. Ständig waren sie Gewalttaten von SS- und OT-Angehörigen ausgesetzt. Mehr als 6.500 Menschen – namentlich bekannt – starben in den Kauferinger Lagern. 3.500 nicht mehr arbeitsfähige KZ-Häftlinge wurden in andere Lager wie Auschwitz deportiert und dort meist sofort ermordet. Ende April 1945 räumte die SS die Lager wegen der näher rückenden US-amerikanischen Truppen. Brutal trieb sie tausende Gefangene auf Todesmärschen nach Dachau, Allach und dann in Richtung Süden."
Quelle: Auszüge aus dem Text der Informationstafel, die von der Gemeinde Hurlach in Zusammenarbeit mit der Europäischen Holocaust-Gedenkstätte Landsberg und der Gedenkstiftung Bayern im Mai 2022 dort errichtet wurde, wo sich das Lager einst befand. Heute gibt es davon keine Spuren mehr. Es befindet sich dort eine stillgelegte Kiesgrube.
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Historische Fotos oben: Kaufering IV nach der Befreiung am 29. April 1945 (© United States Holocaust Memorial Museum, mit freundlicher Genehmigung der National Archives and Records Administration, College Park)
Die Wikipedia-Seite "KZ-Außenlagerkomplex Kaufering" enthält detaillierte Informationen zu den elf Konzentrationslagern und deren Befreiung. So macht der sorgfältig ausgearbeitete Beitrag auf das Filmmaterial aufmerksam, das von der "Signal Division" der US-Armee aufgenommen und produziert wurde. Die Bilder dokumentieren, wie die Bewohner aus den umliegenden Städten und Dörfern zur Bestattung der 500 verkohlten Leichen herangezogen wurden, die die Soldaten vorgefunden hatten. Der Filmtitel lautet "Befreiung durch US-Armee und Beerdigungen", Kaufering IV – Hurlach, 8 Min. (Dokumentation, 29. April 1945, National Archives and Records Administration).