Internet-Informationsangebot des Memos e. V.
Druckfassung am Montag, 11. Mai 2026, von:
https://memos.ngo/de/projekte/prag-2024
Diese Seite ist Max Mordechai Livni gewidmet, dem Protagonisten der Jugendbegegnung, die am 9. Juli 2024 in Prag begann und zwei Wochen später dort endete. Im Rahmen des Förderprogramms YOUNG PEOPLE remember international der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft organisierte Memos in Zusammenarbeit mit der israelischen Forschungs- und Bildungseinrichtung Beit Terezin und der Europäischen Holocaustgedenkstätte mit Sitz in Landsberg am Lech eine Studienreise für junge Menschen aus Israel und Deutschland. Gemeinsam erkundeten sie, wie Max Livni die NS-Ghettos und Vernichtungslager in Prag, Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Kaufering und München-Allach überlebt hat, einschließlich der Deportationen und Todesmärsche in Tschechien, Polen und Deutschland. Am zehnten Tag unserer Begegnung verstarb Max im Alter von 98 Jahren in seinem Haus in Kiryat Tivon. Er war unser Mentor und wird uns auch weiterhin inspirieren. Ohne ihn wäre der Memos e. V. nicht gegründet worden.
Die Pinkas-Synagoge ist eine ehemalige jüdische Gemeinde und Synagoge in der Prager Altstadt, weniger als 500 Meter von Max Livnis Geburtsort entfernt. Dort fotografiert Naama Katzenstein, eine der Teilnehmerinnen unserer Jugendbegegnung, die Namen jener tschechischen Verwandten, die der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer fielen. Naamas Großmutter Magda, geborene Löw, war eine der wenigen Überlebenden ihrer Familie. Unter dem Titel "Magda Katzenstein – Erinnerungen an den Holocaust. Eine junge Tschechin, die den Zweiten Weltkrieg überlebte" ist Magdas Biografie online verfügbar. Im Impressum weist die Autorin Anat Katzenstein darauf hin, dass der Vertrieb des Buches gestattet ist, "um dem Wunsch von Magdas Mutter nachzukommen, die ihr vor ihrem Tod in der Gaskammer sagte: 'Du musst hier weg und deinen Brüdern und Schwestern erzählen, was wir durchgemacht haben.' Erst wenn die Menschen, insbesondere die jungen Leute, von dieser schrecklichen Zeit Kenntnis haben, verstehen sie, wie glücklich sie heute leben und ihre Wünsche und Sehnsüchte erfüllen können."
Liora Livni Cohen, die Tochter von Max und Chavah Livni, steht im Museum von Theresienstadt vor einer Wand mit den Namen der Kinder, die im 60 Kilometer nördlich von Prag gelegenen Ghetto interniert wurden, um von dort aus in Viehwagons nach Osten transportiert zu werden. Das Lager wurde 1941 von der SS in der Festungsstadt Theresienstadt im deutsch besetzten Teil der Tschechoslowakei eingerichtet. Theresienstadt diente als Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager, in den meisten Fällen Auschwitz-Birkenau. Dort wurde die große Mehrheit der Kinder für arbeitsunfähig erklärt und ermordet, darunter auch Eva, Max Livnis Cousine.
Im Sommer 1943 wurden Dr. Eugen Lieben – der Familienname, den seine Vorfahren einige Generationen zuvor erhalten hatten –, seine Frau Hannchen und ihre beiden Söhne Rudi und Max aufgefordert, sich für einen Transport nach Theresienstadt zu melden. Nach ihrer Ankunft am 8. Juli wurde die Familie getrennt. Die beiden Jungen mussten in unterschiedliche Jugendheime ziehen, ihr Vater in eine Baracke für Männer, ihre Mutter in eine Baracke für Frauen.
Die Abendsonne durchflutet die Dunkelheit eines der Betongebäude auf dem Gelände der Gedenkstätte Auschwitz. Am 28. September 1944 wurden Max Livni und sein Bruder Rudi von Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden, überlebten sie die Selektion. Nach weniger als zwei Wochen wurden Max und sein Bruder zum Bahnhof gebracht, wo sie in einen Viehwaggon gesperrt wurden. Nach dreitägiger Fahrt erreichten sie einen Bahnhof namens "Kaufering" und wurden in das Konzentrationslager Kaufering IV nahe der Gemeinde Hurlach gebracht.
Im Gebiet Landsberg/Kaufering begann die SS im Juni 1944 mit dem Bau des größten Nebenlagerkomplexes des Konzentrationslagers Dachau. Nur sechs Monate später wurde das KZ Kaufering IV zum Krankenlager für Arbeitsunfähige erklärt. Mehr als 6.500 Gefangene starben dort, alle namentlich bekannt. Einer von ihnen war Max Livnis älterer Bruder Rudi, der am zweiten Tag von Chanukka verstarb. Ende April 1945 löste die SS den Konzentrationslagerkomplex Kaufering aufgrund der herannahenden amerikanischen Truppen auf. Die SS trieb tausende Häftlinge auf Todesmärsche in Richtung Dachau. Max Livni war unter ihnen. Am 30. April 1945 wurde er von amerikanischen Truppen in München-Allach befreit.
Ende der 1980er Jahre initiierte der Bürgermeister von Gauting, Dr. Ekkehard Knobloch, einen Wettbewerb für ein Denkmalprojekt zum Gedenken an die Todesmärsche, auf denen die ausgemergelten Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau im April und Mai 1945 nach Süden getrieben wurden. Im Juli 1989 wurde die erste vom Pullacher Bildhauer Hubertus von Pilgrim kreierte Skulptur errichtet. Sein Entwurf wurde zum Vorbild für viele andere Denkmäler, die nach und nach zur mahnenden Erinnerung an die Todesmärsche errichtet wurden. Anfangs stieß die Idee eines Denkmals entlang der Route der Deportationen auf wenig Resonanz. In einigen Fällen wurde sie sogar entschieden abgelehnt. Im Lauf der Jahre hat sich die Einstellung jedoch geändert und 21 weitere Gemeinden haben sich der Initiative von Dr. Knobloch angeschlossen.
Das Gautinger Holocaust-Denkmal wurde auf Initiative des Patientenausschusses des Krankenhauses des Lagers für "Displaced Persons", errichtet. Das dortige DP-Lager war eine von vielen Einrichtungen, die nach der Befreiung für KZ-Überlebende, Kriegsgefangene und Zwangsverschleppte der nationalsozialistischen Herrschaft im Großraum München und anderen Teilen Deutschlands wie auch in Österreich, Frankreich und Italien aufgebaut wurden. Das Denkmal auf dem Jüdischen Friedhof von Gauting wurde am 19. Oktober 1947 enthüllt und gilt als eines der ältesten seiner Art in Deutschland.
Am 19. Juli 2024, nur wenige Stunden nachdem wir von Max Livnis Tod erfahren hatten, hielten wir während unseres schon Wochen zuvor geplanten Friedhofsbesuchs eine improvisierte Gedenkfeier ab. Der Vorstand und die Mitglieder des Vereins "Gedenken im Würmtal" haben uns dabei einfühlsam und engagiert unterstützt.
"Die KZ-Gedenkstätte Dachau trauert um Max (Mordechai) Livni. Am 15. Februar 1926 war er als jüngster von drei Söhnen der jüdisch-orthodoxen Lehrer-Familie Lieben in Prag geboren. Zuhause sprachen die Liebens Deutsch. Max ältester Bruder Artur (Avraham) wanderte 1939 nach Palästina aus; Max und sein Bruder Rudolf schlossen sich der zionistischen Jugendorganisation Maccabi Hatzair an. Zur selben Zeit setzte mit der deutschen Besetzung des Landes die fortschreitende Entrechtung und Verfolgung der tschechisch-jüdischen Bevölkerung ein. Die Jungen durften nicht mehr die Schule besuchen, Max begann eine Elektrikerlehre, sein Vater war zeitweise in Gestapohaft und auch seinen Onkel Mani hatte die SS im KZ Dachau inhaftiert, wo er im März 1942 starb …"
Der vollständige Nachruf ist auf der Webseite der KZ-Gedenkstätte Dachau zu finden:
https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/nachrichten/max-livni-1926-2024/
Ende Mai kehrte Max nach Prag zurück, wo das oben abgebildete Passfoto gemacht wurde. Von seiner großen Verwandtschaft traf er nur zwei Personen an, den Bruder seiner Großmutter und die Schwiegertochter des Cousins seines Vaters. Alle anderen waren fort. Nach kurzer Zeit entschloss er sich, nach Bratislava zu ziehen und sich dem Leitungsteam eines Heims für Kinder und Jugendliche anzuschließen, die den Holocaust überlebt hatten. Zu diesem Team gehörte bereits Eva Fürst, seine zukünftige Frau, später Chavah genannt. 1949 wanderten die beiden in den neu gegründeten Staat Israel aus, wo Max als Mechaniker arbeitete. Ihr erstes Kind, Eli, starb im Säuglingsalter, und ihre Töchter Nurit und Liora haben ihrerseits Kinder und Enkelkinder.
Max und Chavah Livni gehörten zu den Gründungsmitgliedern der Gedenk- und Bildungsstätte Beit Terezin. Über Jahrzehnte setzten sie sich dafür ein, dass die Geschichte der ermordeten Juden nicht in Vergessenheit gerät, und sprachen in Interviews, Seminaren und bei Veranstaltungen über ihre Verfolgung und das Leben danach.
Neben seinen Eltern und seinem Bruder gehörten über 40 Mitglieder der Familie Lieben zu den Opfern der vom nationalsozialistischen Deutschland angestrengten Vernichtung der europäischen Juden. Seine Memoiren, die auf Englisch, Hebräisch, Tschechisch und Deutsch erschienen sind, zeugen davon, dass sein Wesen trotz der erlittenen Qualen und Verluste nicht von Zynismus und Bitterkeit zermürbt war. Gerade in der persönlichen Begegnung verstand es Max, uns durch das Zusammenspiel seines warmherzigen Intellekts mit moralischer Integrität und feinsinnigem Humor auf unvergleichliche Weise zu inspirieren. Er tut dies bis zum heutigen Tag.